Projekt

Junge Arbeiter_innen stellen in vielen europäischen Staaten eine der verwundbarsten Gruppen dar. Seit der ökonomischen Krise von 2009 hat sich die Situation verschlechtert – die Jugend-Arbeitslosenrate stieg dramatisch an und erreichte in einigen Ländern bis zu 49%. Während Polen und Deutschland zu jenen Staaten gehören, die die Krise insgesamt gut überstanden haben, ist die Situation für junge Arbeiter_innen eher düster. In Polen liegt die Arbeitslosenrate junger Menschen bei 24%, während die meisten bestehenden Arbeitsverhätltnisse nicht dem ‚Normalstandard’ entsprechen. Obwohl Deutschland eine relativ geringe Jugend-Arbeitslosenrate von 6% besitzt, hat dort das duale System seine inklusive Wirkung weitgehend verloren – besonders in Anbetracht der Tatsachen, dass auf jeden Ausbildungsplatz fünf Bewerber_innen kommen (Lehmkuhl 2013) und 44% der Schulabgänger_innen sich im Sekundären Arbeitsmarkt bzw. in der Berufsvorbereitung wiederfinden (BMBF 2013). Diejenigen, die Arbeit haben, leiden häufig unter a-typischen Formen von Beschäftigung, wie temporären Verträgen, Zeitarbeit, geringfügig entlohnten Teilzeitjobs oder unbezahlten Probezeiten. Während ihrer ersten 10 bis 15 Jahre am Arbeitsmarkt wechseln jungen Menschen, unabhängig von ihrem Qualifikationsniveau, zwischen atypischen Beschäftigungsverhältnissen und Arbeitslosigkeit (Albert  et  al. 2010:  41). Junge Arbeiter_innen scheinen also besonders durch die Flexibilisierung von Arbeit und den Anstieg prekärer Arbeitsverhältnisse betroffen zu sein.

Dieses Forschungsprojekt will neue theoretische Einblicke darauf eröffnen, in welchem Maße prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen neu entstehende Formen von sozialem-, politischem und Klassenbewusstsein beeinflussen und sich damit auf individuelle Strategien zur Lebensbewältigung und kollektive Formen gesellschaftlichen Engagement junger Arbieter_innen in Deutschland und Polen auswirken. Anhand des Fallbeispiels junger prekärer Arbeiter_innen versucht die Studie die relational, historisch und interpretativ arbeitenden Ansätze zu Prekarität zu erweitern, in welchen die sozialen Grenzen des Konzepts durch institutionelle Faktoren der jeweils nationalen Varieties of Capitalism und kulturelle und politische Diskurse über „normale Arbeitsverhältnisse“ sowie die Praktiken sozialer Akteure bestimmt sind. Gleichzeitig will das Projekt erfassen, welche Gemeinsamkeiten sich in den Erfahrungen junger Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen – im Kontext gemeinsamer ideologischer Faktoren des Spätkapitalismus, post-fordistischer Gesellschaften und der post-sozialistischen Transformationen – finden lassen. In diesem Rahmen zielt das Projekt darauf ab, jene Prozesse zu erfassen, in denen sich die Dispositionen für den Umgang mit instabilen Arbeitsverhältnissen in beiden Ländern formieren, die Fragmentierung der Klassenerfahrung der Jugend, ihre Vision einer gut funktionierenden ökonomischen Ordnung als auch die individuellen und kollektiven Versuche mit ihrer Situation umzugehen oder sie möglicherweise zu verändern.

Auf der methodologischen Ebene, passen wir die nationalen Forschungstraditionen einer international vergleichenden Forschung über prekäre Arbeit an. Dies schließt sowohl den „well organosed economy index“ (Juliusz Gardawski), als auch deutsche Ansätze zur Beforschung von Prekarität (bspw. Klaus Dörre) und interpretative Forschungsmethoden etwa nach Fritz Schütze (biographische Methode) ein. Die Entwicklung eines gemeinsamen methodologischen Werkzeuges zum Verständnis der Situation und den Strategien prekärer Arbeiter_innen kann als zusätzlicher Mehrwert der Studie verstanden werden. Die empirische Basis für die Forschung schließt zwei CAWI Umfragen mit 500 jungen prekären Arbeiter_innen in Polen und Deutschland, 120 narrative biographische Interviews mit prekär Beschäftigten in beiden Ländern, sowie sekundäre Daten ein.

Prekarität wird hier als relationale Kategorie verstanden und ist demnach von der Definition sozialer Normalität abhängig (Dörre 2010). Sie beschreibt nicht das Gleiche wie soziale Exklusion, sondern stellt eine fließende Situation dar, in der der Zugang zu Normalität noch möglich scheint. Neben den objektiven Arbeitsbedingungen muss eine subjektive Dimension berücksichtigt werden (ebd.). Demnach verstehen wir Prekarität als Verlust eines existenzsichernden Lohnes, der Integration in soziale Netzwerke und voller sozialer Rechte, (welche alle drei in den beforschten Ländern als Standard gelten), sowie des subjektiven Gefühls von Prekarität, verursacht durch einen Verlust von Anerkennung, und sozialer Integration (Dörre 2007; Dörre et al.2004). Trotz des signifikanten Anstiegs an prekären Arbeitsverhältnissen für junge Menschen und der düsteren Perspektiven, regt sich seitens der Jugend in Deutschland und Polen im Vergleich zu anderen Staaten relativ wenig Protest (vgl. Grekopoulou 2011 für Griechenland). Vielmehr lässt sich beobachten, dass ein großer Teil der polnischen Jugend emigriert und demnach die Exit-Option wählt (Maerdi 2007), während die Jugend in Deutschland eher immobil bleibt. Die gesellschaftliche und politische Stille und Inaktivität implizieren allerdings nicht, dass junge Menschen in Polen und Deutschland mit der Prekarität einverstanden sind. Gerade das Gegenteil ist der Fall: in Deutschland bspw. nehmen 90% derjenigen unter 35 unsichere Arbeitsverhältnisse als psychologische Belastung wahr, während 87% denken, dass sie ihre Lebens- und Familienplanung verkomplizieren (IG Metall 2012:  12). In Polen erklärt die Mehrheit der befristet Beschäftigten (64%), dass sie diese Beschäftigungsform aus Mangel an Alternativen angenommen hat (Eurostat  LFS). Gerade die Abwesenheit von Protest im Angesicht der gestiegenen und ungewollten Prekarität erzeugt ein Forschungspuzzle und eine theoretische Herausforderung, welche für diese Studie zentral sind.

Literaturverzeichnis:

  • Albert; Hurrelmann; Quenzel &TNS Infratest Sozialforschung. 2010. Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag.
  • Dörre; Krämer & Speidel. 2004. Prekäre Arbeit. Ursachen, soziale Auswirkungen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. Das Argument 256, pp. 378-397.
  • Dörre. 2006. Prekäre Arbeit. Unsichere Beschäftigungsverhältnisse und ihre sozialen Folgen. Arbeit. 15(3), pp. 183-191.
  • Dörre. 2007. Die Wiederkehr der Präkarität. Subjektive Verarbeitung, soziale Folgen und politische Konsequenzen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. Lorenz & Schneider (eds.) Ende der Normalarbeit? Mehr Solidarität statt weniger Sicherheit – Zukunft betrieblicher Interessenvertretung. Hamburg: VSA, pp. 15-31.
  • Dörre.2009. Die neue Landnahme. Dynamiken und Grenzen des Finanzmarktkapitalismus. Dörre; Lessenich & Rosa (eds.). Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, pp. 21-86
  • Dörre. 2010. Génération Précaire – ein europäisches Phönomen? Busch; Jeskow & Stutz (eds.). Zwischen Prekarisierung und Protest. Die Lebenslagen und Generationsbilder von Jugendlichen in Ost und West. Bielefeld: transcript, pp. 29-74.
  • Gardawski. 2009. Polacy pracujący a kryzys fordyzmu. Warszawa: Scholar.
  • Grekopoulou. 2011. „Wir sind ein Bild von der Zukunft” – Soziale Ungleichheitsstrukturen und Jugendproteste in Griechenland zu Beginn des 21. Jahrhunders. Schäfer; Witte & Sander (eds.). Kultur jugendlichen Aufbegehrens. Jugendprotest und soziale Ungleichheit. Weinheim: Juventa, pp. 165-186.
  • IG Metall. 2012. IG Metall Studie Junge Generation. Persönliche Lage und Zukunftserwartungen der jungen Generation 2012.
  • Lehmkuhl; Schmidt & Schöler. 2013. Ihr seid nicht dumm, ihr seid faul! Über die wunderliche Leistung Ausgreznung als selbstverschuldet erleben zu lassen. Maier & Vogel (eds.). Übergänge in eine neue Arbeitswelt? Blinde Flecke der Debatte zum Übergangssystem Schule - Beruf. Wiesbaden: Springer VS, pp. 115-130.
  • Meardi. 2007. More voice after more exit? Unstable industrial relations in central eastern Europe. Industrial Relations Journal. 38, pp. 503-523.